Digital Euro: Wird sich der zweigleisige Vorschlag von Fernando Navarrete Rojas durchsetzen?

Der EU-Parlamentarier will den Digital Euro in zwei Stufen einführen – offline zuerst, online nur bei Bedarf. Doch wie realistisch ist das in der aktuellen europäischen Politiklandschaft?


Einleitung: Ein pragmatischer Gegenentwurf gewinnt an Aufmerksamkeit

Ende Oktober 2025 hat Fernando Navarrete Rojas, Berichterstatter im Europäischen Parlament für den Digital Euro, mit einem neuen Vorschlag die politische Debatte belebt.
Sein Entwurf sieht eine zweigleisige Einführung der digitalen europäischen Zentralbankwährung vor – zunächst offline als tokenbasiertes, bargeldähnliches Zahlungsmittel, und erst in einem zweiten Schritt, falls notwendig, online als vollständig vernetztes Zahlungssystem.

Damit stellt Navarrete Rojas den Entwurf der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frage, die seit Beginn der Vorbereitungsphase auf ein Online-first-Modell setzt.
Doch wie groß ist die Chance, dass sich das Parlament – und insbesondere Navarrete Rojas – gegen die EZB-Linie durchsetzt?


Die politische Ausgangslage

Der Vorschlag des EU-Abgeordneten beruht auf zwei zentralen Überzeugungen:

  1. Souveränität durch Unabhängigkeit: Europa braucht ein digitales Zahlungsmittel, das im Krisenfall funktioniert – auch ohne Internet oder private Intermediäre.
  2. Marktoffenheit statt Zentralismus: Ein Online-CBDC soll nur dann eingeführt werden, wenn private Anbieter keine stabile, europäische Alternative bieten können.

Der Europäische Rat und die EZB verfolgen dagegen eine ambitioniertere Linie:
Sie wollen den Digital Euro gleichzeitig online und offline implementieren, um eine kohärente, europaweite Zahlungsinfrastruktur zu schaffen und mit globalen Akteuren wie Visa, Mastercard oder Alipay konkurrenzfähig zu bleiben.


Wahrscheinlichkeit: Wie stehen die Chancen für Rojas’ Modell?

🔹 Vollständige Durchsetzung: ca. 30–40 %

Dass der Rojas-Entwurf unverändert übernommen wird, ist derzeit weniger wahrscheinlich.
Sowohl die EZB als auch der Rat wollen ein Online-System, um die Interoperabilität mit Banken und Zahlungsdienstleistern sicherzustellen.
Zudem gilt das zweistufige Modell als technisch komplex und potenziell verzögernd für den europäischen Roll-out.

🔹 Teilweise Umsetzung: ca. 60–70 %

Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass Teile des Vorschlags in die finale Regulierung einfließen.
Dazu zählen:

  • Verpflichtende Offline-Funktionalität für Basiszahlungen.
  • Klar definierte Bedingungen für den Online-Start.
  • Datenschutzvorgaben, die an Bargeld-ähnliche Anonymität erinnern.

Damit könnte der Digital Euro letztlich hybrid starten – mit einem starken Offline-Fokus, aber vorbereitet auf eine spätere Online-Integration.


Warum die EZB-Position dennoch überwiegen könnte

Die EZB argumentiert, dass ein rein offline orientiertes Modell nicht ausreicht, um:

  • Echtzeit-Transaktionen europaweit zu gewährleisten,
  • digitale Finanzinnovationen (z. B. programmierbare Zahlungen) zu ermöglichen,
  • und Wettbewerbsfähigkeit gegenüber globalen Payment-Systemen zu sichern.

Auch viele Mitgliedstaaten sehen die Online-Komponente als unverzichtbar, um Effizienz, Transparenz und Kontrolle im Zahlungsverkehr zu erreichen.

Kurz gesagt: Der Rat und die EZB wollen kein Bargeld 2.0, sondern ein digitales Backbone der europäischen Wirtschaft.


Implikationen für Unternehmen

Für Organisationen in Finanzwesen, Versicherungen, Gesundheits- und öffentlichem Sektor bedeutet die aktuelle Lage:

  • Planung in Szenarien: Unternehmen sollten Strategien sowohl für ein Offline-first-Szenario als auch für eine vollständige Online-CBDC-Integration entwickeln.
  • Technologische Vorbereitung: IT-Architekturen müssen kompatibel mit tokenbasierten und konto-basierten CBDC-Systemen werden.
  • Compliance & Governance: Datenschutz- und Reportingpflichten werden je nach Modell unterschiedlich ausfallen.
  • Frühe Adaption als Vorteil: Wer Prozesse früh anpasst, kann in Pilotphasen Wettbewerbsvorteile sichern.

Fazit: Ein Balanceakt zwischen Souveränität und Integration

Fernando Navarrete Rojas’ zweigleisiger Ansatz bietet einen pragmatischen Mittelweg, der politische Zustimmung finden könnte – vor allem bei Mitgliedstaaten, die technologische Unabhängigkeit und Datenschutz priorisieren.
Doch der Einfluss der EZB und des Rates wird den finalen Entwurf prägen.
Am wahrscheinlichsten ist eine modifizierte Lösung, die beide Welten verbindet:
Offline-Zahlungen für Resilienz, Online-Funktionalität für Effizienz.

Holomastrik Ltd. empfiehlt Unternehmen, die Entwicklung aktiv zu verfolgen und frühzeitig Strategien zu entwickeln, die beide Szenarien abdecken – um regulatorische Risiken zu minimieren und Chancen gezielt zu nutzen.


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Quellen (Stand: November 2025)

  • European Parliament, Dokument PE778.136 – Entwurf Navarrete Rojas (Okt 2025)
  • Heise Online, „Digital Euro: EU-Parlamentarier gegen Online-Nutzung“ (Okt 2025)
  • Table Media Europe, „Why the argument could give the Digital Euro a boost“ (Nov 2025)
  • European Central Bank, Digital Euro Preparation Phase Progress Report (Okt 2025)
  • Financial Times, „EU faces tough choices in Digital Euro rollout“ (Nov 2025)

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